Spielerisch die Gemeinwohl-Ökonomie kennenlernen

Unter diesem Motto veranstaltete CIPRA Deutschland kürzlich ein GWÖ-Event

Neben Stefan Witty, Vorstandsmitglied von CIPRA Deutschland, und Manuela Vanni, 1. Bürgermeisterin der Marktgemeinde Peißenberg, begrüßte u.a. auch Alexander Rossner, Vorstandsmitglied GWÖ Bayern e.V. (siehe Bild), die Teilnehmenden herzlichst in der Tiefstollenhalle Peißenberg; Foto: A. Virag

Zusammen mit dem Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V., seiner Regionalgruppe Weilheim sowie dem Markt Peißenberg, einer Gemeinwohl-Gemeinde im Prozess, veranstaltete CIPRA Deutschland Mitte Oktober eine Knotenpunkt Veranstaltung zum Thema Gemeinwohl-Ökonomie in der Tiefstollenhalle Peißenberg. Ziel der Veranstaltung war es zum einen, die Idee der GWÖ und die GWÖ-Bewegung (siehe ggfs. ganz unten) besser kennenzulernen, zum anderen Schnittmengen zur Arbeit der CIPRA zu erkennen und darüber hinaus im Lichte dessen die Vernetzung unter den anwesenden Akteuren aus dem bayerischen Alpenraum zu fördern. Dazu wurde die Veranstaltung gezielt interaktiv geplant; so bestand der Kernteil der Veranstaltung neben einem eröffnenden Vortragsimpuls zur GWÖ durch Helmut Dinter, 1. Bürgermeister aus Wessobrunn (ebenso einer Gemeinwohl-Gemeinde im Prozess), vor allem aus zwei Spielen („Eckpunkte Memory“ und „Good Practice“-Spiel), die vom Akteur*innenkreis (AK) Bildung der Gemeinwohl-Ökonomie konzipiert wurden, sehr gut bei den Teilnehmenden ankamen und für die Bildungsarbeit der Gemeinwohl-Ökonomie besonders zu empfehlen sind.

Helmut Dinter, 1. Bürgermeister der Gemeinde Wessobrunn, gab eingangs einen GWÖ-Impulsvortrag; Foto: A. Virag

Eckpunkte Memory

Im ersten Spiel aus dem Fundus an GWÖ-Bildungsmaterialien, dem sog. „Eckpunkte Memory“, wurden „Eckpunkte“ unseres heutigen Wirtschaftssystems den alternativen „Eckpunkten“ der Gemeinwohl-Ökonomie gegenüberstellt. Die 12 (Gegensatz-)Paare galt es in vier Kleingruppen und im Unterschied zu den gängigen Spielregeln eines Memory-Spiels nicht auf eigene Faust, sondern im Team zu finden.

Gemeinsam versuchen die Teilnehmenden das „Eckpunkte Memory“ zu lösen; Foto: A. Virag
Geschafft: Das „Eckpunkte Memory“ in aufgelöster Form; Foto: A. Virag

Auf diese intensive gemeinsame Auseinandersetzung mit den Grundlagen unseres Wirtschaftssystems und einer möglichen Alternative, wurde zum Abschluss dieses Spiels ein Stimmungsbild eingeholt: Hierzu durfte jeder der 26 Teilnehmenden für sich selbst anhand eines Stimmzettels überlegen und entscheiden, wie groß – gemäß der Entscheidungsmethode des sog. Systemischen Konsensierens – der persönliche Widerstand auf einer Skala von 0 bis 2 in Bezug zu jedem einzelnen Eckpunkt der GWÖ ist. Durch das Übertragen der Stimmzettel auf mehrere Flipcharts wurde anschließend ermittelt, dass jeder einzelne Eckpunkt der GWÖ weniger als 30% aller möglichen Widerstandstimmen im Plenum und damit im Umkehrschluss große Zustimmung unter den Teilnehmenden erfahren hatte.

Durch das Übertragen der Stimmzettel auf mehrere Flipcharts wurde das Stimmungsbild im Plenum visualisiert und diskutiert werden; Foto: A. Virag

Mit den geringsten Widerstand (nur 4% aller möglichen Widerstandsstimmen im Plenum) erfuhr u.a. der Eckpunkt, dass Unternehmen mit guten Gemeinwohl-Bilanzen niedrigere Steuern und geringere Zölle zahlen und beim öffentlichen Einkauf bevorzugt werden sollten – ein Kernanliegen der GWÖ.

Mit den größten Widerstand hingegen (ebenjene 30% aller möglichen Widerstandsstimmen im Plenum) erfuhr dabei der Eckpunkt „Finanzgewinn“. Laut dieser Eckpunkte-Spielkarte könne man die Rahmenbedingungen unseres Wirtschaftssystems auch so arrangieren, dass Finanzgewinne nur für Auszahlungen an Mitarbeitende, für Kredite an Konkurrenzunternehmen oder für Investitionen, die sozial und ökologisch Sinn machen, verwendet werden dürfen. In der Diskussion im Plenum dazu wurde deutlich, dass der Widerstand von den Teilnehmenden mehrheitlich darin begründet war, dass aus der „Eckpunkte“-Spielkarte nicht hervorging auf welche Weise die Unternehmer*innen von ihrem Engagement noch finanziell profitieren könnten. Offenbar ist hier die Komplexitätsreduktion im Spiele-Design zu hoch ausgefallen und es gilt, diese Eckpunkte-Spielkarte zu überarbeiten; denn auch in der GWÖ können Unternehmer*innen sehr wohl Gewinnausschüttungen erhalten und sich zudem als Mitarbeitende stets einen Lohn ausbezahlen (Vgl. S. 93ff. in: Gemeinwohl-Ökonomie von Christian Felber, Piper Verlag, München 2018).

Foto: A. Virag

Spannend wäre sicherlich gewesen, welche Alternativen zum diesem Vorschlag der GWÖ von den Teilnehmenden formuliert worden wären, wenn denn dazu an diesem Nachmittag die Zeit gewesen wäre. Vermutlich wäre ein Vorschlag zu Tage gebracht worden, der noch geringere Widerstände im Plenum hervorgerufen hätte. Denn dazu verhilft die Entscheidungsmethode des Systemischen Konsensierens: Durch Diskussion, Formulierung und Abstimmung von mehreren Vorschlägen zu einem Thema zu einem möglichst konsensnahen Entscheid zu gelangen: Dem Konsent (siehe ggfs. http://www.sk-prinzip.eu/das-sk-prinzip/).

Good Practice-Beispiele

Nachdem die „Puzzleteile“ der GWÖ, wie Helmut Dinter, 1. Bürgermeister aus Wessobrunn und Impulsvortragender, die wirtschaftspolitischen „Eckpunkte“ der GWÖ benannte, nun bekannt waren, ging es nach einer kulinarischen Pause (mit kleinen biologischen Köstlichkeiten vom BioMichl und Kaffee-Spezialitäten des Esspressomobils von #oismehrwert) über zum zweiten Spiel aus dem Fundus an GWÖ-Bildungsmaterialien. Darin sollte vor allem die Gemeinwohl-Matrix 5.0 besser kennengelernt werden. Diese ist das aktuelle Zielsystem zur Organisationsentwicklung und zugleich Orientierungssystem anhand derer Gemeinwohl-Berichte von Unternehmen erstellt und auditiert werden. Die Gemeinwohl-Matrix umfasst aktuell 20 Themenfelder, denen es in diesem Spiel genau eines von 20 unterschiedlichen „Good Practice“ Beispielen zuzuordnen galt.

D.h. in diesem Spiel erhielten die Teilnehmenden in neu gebildeten Gruppen wiederum die Möglichkeit, einerseits aus allen 20 Themenfeldern der Gemeinwohl-Matrix gemeinsam jeweils ein unternehmerisches „Good Practice“-Beispiel kennenzulernen, andererseits diese 20 Good-Practices dem richtigen Matrix-Feld zuzuordnen und darüber hinaus ganz nebenbei über besonders wichtige Themen zu diskutieren: So fand bspw. eine Gruppe, dass die Bezugsgruppe der Lieferant*innen besonders Augenmerk verdiene, da diese – auch mit Blick auf die Initiative Lieferkettengesetz.de – häufig diejenigen seien, von denen einkaufende Unternehmen, gerade bei globalisierten Lieferketten, besonders profitieren, dabei jedoch den Schutz von Mensch und Umwelt häufiger außer Acht ließen.

Gemeinsam versuchen die Teilnehmenden das „Good Practices“ Spiel zu lösen; Foto: A. Virag

Vor und nach dem Spiel bekamen die Teilnehmenden die zusätzliche Aufgabe, sich zu überlegen, welches der gegenwärtig 20 Themenfelder der Gemeinwohl-Matrix 1.) für die Arbeit der CIPRA, 2.) für ihren jeweiligen Arbeitgeber und 3.) für sie selbst am wichtigsten sind. Da die wunderschöne Tiefstollenhalle in Peißenberg ausreichend Platz bot, fanden die Teilnehmenden die Gemeinwohl-Matrix in Übergröße auf den Boden projiziert vor und konnten sich so zu jeder Fragestellung gemäß ihrer Antwort auf der Gemeinwohl-Matrix positionieren: Via Foto von der Galerie der Tiefstollenhalle konnten so die jeweiligen Schwerpunkte im Plenum zu jeder Frage identifiziert werden – und aufgrund der Wiederholung dieser Aufstellung im Raum vor und nach der Durchführung des eigentlichen Spiels ebenso Vorher-Nachher Unterschiede identifiziert werden. Eine Erkenntnis war bspw., dass alle 5 Themenfelder rund um den Wert „Ökologische Nachhaltigkeit“ als auch alle 4 Themenfelder in Bezug zur Berührungsgruppe „Gesellschaftliches Umfeld“ – vor und nach dem Spiel – vom Plenum tendenziell am wichtigsten eingestuft wurden – siehe Bild zur 3ten Frage nach dem Spiel:

Die Antwort jedes einzelnen Teilnehmenden mittels Aufstellung im Raum auf die Frage, welches der 20 Themenfelder der Gemeinwohl-Matrix für Sie selbst am wichtigsten sei; Foto: A. Virag

Mit einigen neuen Impulsen, Bekanntschaften und Ideen verabschiedeten sich die Teilnehmenden und Organisator*innen schließlich nach vier interaktiven Stunden – und der überwiegenden Resonanz, an solch einem Format gerne auch in Zukunft wieder teilnehmen zu wollen.

Hintergrund-Info: Gemeinwohl-Ökonomie

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ, www.ecogood.org) trat im Jahr 2010 in Österreich mit der gleichnamigen Buchveröffentlichung von Christian Felber und einer Pressekonferenz mit progressiven Unternehmer*innen erstmals in Erscheinung. Seitdem gewann sie nicht nur zahlreiche Unterstützer*innen in Ländern Europas, sondern inzwischen auch in den USA, Südamerika und Afrika.

Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie beschreibt eine alternative Wirtschaftsordnung zu Kapitalismus und Kommunismus. Sie versteht sich als liberale und ethische Marktwirtschaft, die nicht auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, sondern auf Gemeinwohl-Streben und Kooperation. Erfolg wird nicht primär an finanziellen Kennzahlen gemessen, sondern mit der Gemeinwohl-Prüfung für Investitionen, mit der Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen/Organisationen und mit dem Gemeinwohl-Produkt für eine Volkswirtschaft. Ziel ist es, die Gesetze der Marktwirtschaft mit den Grundwerten und Verfassungen demokratischer Gesellschaften in Übereinstimmung zu bringen! So auch bspw. mit der Verfassung des Freistaates Bayern, in der in Art. 151 geschrieben steht:

„Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.“  

Dieses Ziel versucht die GWÖ-Bewegung auf wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene umzusetzen – vor allem durch die Bildungsarbeit von diversen GWÖ-Vereinen und den ihnen angeschlossenen Akteur*innenkreise sowie Regionalgruppen, die vor Ort aktiv sind – so auch im bayerischen Alpenraum. Im Netzwerk agierend, sind diese informierend unterwegs und tragen entscheidend zur Verbreitung der GWÖ-Idee bei. Darüber hinaus können Unternehmen, Vereine, Gemeinden, etc. Mitglied in einem GWÖ-Verein werden und mit der Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz für Ihre Organisation als Pioniere maßgeblich zur Realisierung der GWÖ-Idee beitragen.